Zwischen-den-Jahren-Interviews VI – Sole Otero
Die argentinische Comickünstlerin Sole Otero war 2025 auch wieder in Deutschland zu Gast (2023 war sie schon mit ihrem ersten Reprodukt-Buch "Naphthalin" auf Tour gewesen). Dafür musste sie aber zum Glück nicht aus Lateinamerika anreisen – seit einigen Jahren lebt und arbeitet Sole Otero in der französischen Comic-Hauptstadt Angoulême.
Herbst diesen Jahres ist Sole Oteros Kurzgeschichtenband "Hexenkunst" bei uns erschienen, der sich auf verschiedenen Zeitebenen und innerhalb unterschiedlichster Genrekonventionen mit dem Konzept der "Hexe" und ihren zahlreichen kulturellen Bedeutungen auseinandergesetzt hat.
Bevor sie zu ihren Deutschlandterminen aufbrach, hat Sole unseren Presse-Kolleg*innen dieses charmante Interview gegeben. Wir wünschen spannende Lektüre!
Liebe Sole, vielen Dank, dass du dir Zeit für ein paar Fragen zu dir und deinem neuen Buch "Hexenkunst" nimmst. Zuallererst würde es mich sehr interessieren, wie du zum Comic gekommen bist. Du hast 2010 das Studium Textildesign an der Universität von Buenos Aires abgeschlossen. Währenddessen hast du schon angefangen Webcomics zu machen und Kinderbücher zu illustrieren, richtig?
Ich habe Kurse über Comics belegt, bevor ich die Schule abgeschlossen habe. Später habe ich mich dazu entschieden, Textildesign zu studieren, da es damals keinen offiziellen Studiengang zu Comics an der Universität von Buenos Aires gab. Währenddessen habe ich weiterhin an kleinen Workshops teilgenommen und Comics gemacht. Ich habe meine ersten Zines veröffentlicht, bin dann auf einen Blog umgestiegen und habe angefangen, als Kinderbuchillustratorin zu arbeiten.
"Hexenkunst" beginnt mit der Legende des Walicho, eines Dämons aus der Mythologie der südamerikanischen indigenen Mapuche, der die Verkörperung des Bösen darstellt. Warum wolltest du von dieser Gestalt aus dem Sagenschatz der Mapuche erzählen?
Walicho ist weniger ein Dämon, wie wir ihn aus unseren Märchen und Sagen kennen. Es ist eher als ein Synonym für Unglück und Unheil zu verstehen. Die Mapuche-Kultur kennt keine Dämonen in der europäischen Tradition. Ich habe dieses Konzept bewusst gewählt, da es eines der Begriffe aus der indigenen Kultur ist, die in der modernen spanischen Sprache von Buenos Aires erhalten geblieben sind. Auch wenn das Wort Walicho heute eher im Zusammenhang mit Hexerei verwendet wird. Ich fand es perfekt, dass die Geschichte des Wortes so gut beschreibt, wie die argentinische Kultur entstanden ist.
Ich liebe Horror und wollte etwas in diesem Genre machen. Zudem bin ich, sowie fast alle Feminist*innen heutzutage, von den Figuren der Hexen inspiriert. Sie repräsentieren viele Dinge: wie ältere, alleinstehende Frauen ohne Kinder aus der Gesellschaft verstoßen wurden, Frauen, die wegen Hexerei verbrannt wurden, weil sie als mächtige Frauen als Gefahr für das bestehende System empfunden wurden. Die feministische Lesart von Hexen hat sich durchgesetzt. Heutzutage ist sie fast überall im Kino und der Kunst im Allgemeinen zu finden.
Aktuell lebst du in Angoulême in Frankreich. Was würdest du sagen sind die größten Unterschiede bezüglich der Rolle von Comics und der Comicszene zwischen Frankreich und Argentinien?
Ich würde sagen, der größte Unterschied ist auch der offensichtlichste: das Geld. In Frankreich besuchen die Menschen Comicfestivals und hauen dort Hunderte von Euro für Comics auf den Kopf. In Argentinien steht den Menschen wesentlich weniger Geld zur Verfügung – und so ist auch der Comic ein Luxusartikel. Kultur ist ein Privileg einiger weniger.
Argentinien hat über die Jahrzehnte einige der größten Talente in der Geschichte des Comics hervorgebracht, aber es fehlen die Ressourcen, um dieses kulturelle Erbe zu pflegen, und so verschwinden diese Einflüsse nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis. Der Unterschied zwischen Frankreich und Argentinien in Sachen Comics könnte nicht größer sein. Im Grunde hat der Comic in Argentinien gerade keine Zukunft. Aber im Vergleich zu all den anderen Problemen, vor denen das Land gerade steht, ist das natürlich irrelevant. Und trotzdem erscheinen in Argentinien immer noch Comics – die Zeichnerinnen und Zeichner arbeiten mit Herzblut und oft in ihrer Freizeit an ihren Projekten. Es dauert lange, bis ihre Geschichten das Licht der Welt sehen, weil die meisten von ihnen nebenbei noch für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.

In deinen Comics spielen Katzen immer eine große Rolle. Wie kommt das?
Ich liebe Katzen einfach. Am Anfang mochte ich sie gar nicht (eine hat mich gekratzt, als ich ein Kind war) und dann habe ich sie lieben gelernt. Also ich denke, für mich stehen Katzen stellvertretend für das Thema Aus- bzw. Versöhnung.
Kannst du ein bisschen über deinen Arbeitsprozess erzählen? Welche Materialien verwendest du und welche Phase in der Entstehung von "Hexenkunst" hat dir am meisten Spaß gemacht?
Bevor ich zeichne, schreibe ich das komplette Szenario auf – und dann teile ich dieses Skript in Seiten auf und achte dabei besonders darauf, wo ich welche Dialoge platziere, damit der Erzählung genau das Tempo zugrunde liegt, das ich für die jeweiligen Passagen beabsichtige. Ich arbeite vollständig digital und skizziere die Panels schnell und einfach auf jede einzelne Seite. In den nächsten Arbeitsschritten verfeinere ich die Skizzen und arbeite die Entwürfe immer mehr aus. Anschließend stürze ich mich direkt ins Inken und Kolorieren.
Normalerweise kümmere ich mich morgens um die Skizzen und arbeite nachmittags an den finalen Seiten. Ich arbeite dabei nicht immer an derselben Seite, manchmal noch nicht mal am selben Buch. Aber allgemein gilt: Der Morgen ist fürs Schreiben und Platzieren der Texte, die Nachmittage für die mechanische, spaßige Arbeit. Ich ändere das Skript fortwährend, weil ich immer versuche, es zu verbessern. Meine Seiten ändere ich sehr oft.
Was mir dabei am meisten Spaß macht? Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich genieße alle Aspekte der Entstehung eines Comics. Die einzige Sache, die mich stresst, ist das Korrekturlesen gegen Ende eines Projekts. Wenn du Hunderte von Seiten geschaffen hast und dir dann ein Fehler auffällt und du weißt, dass du alles mögliche ändern und anpassen musst, sobald du auch nur eine Kleinigkeit korrigierst, …
Ist bereits ein weiteres Projekt in der Planung, über das du uns schon mehr erzählen kannst?
Ich arbeite derzeit an einer postapokalyptischen Story mit Familiendrama- und Liebesgeschichte-Elementen, die in Patagonien spielt. Außerdem schreibe ich an einer Fantasy-Trilogie. Die Projekte kommen aber nur langsam voran, weil ich zuletzt so viele Illustrationsjobs annehmen musste, um ein bisschen Geld in die Kasse zu spülen.
Das Interview wurde von Julia Weinbrenner geführt.