Zwischen-den-Jahren-Interviews V – David Prudhomme

Zwischen-den-Jahren-Interviews V – David Prudhomme

2025 sind gleich mehrere historische Comicstoffe erschienen, die als "cautionary tales" die Sorge über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und vor allem das kollektive Schulterzucken angesichts Rechtsruck und Verrohung politischer Diskurse vermittelten. Der Franzose Luz erzählt in "Zwei weibliche Halbakte" über politische und kulturelle Zensur, Isabel Kreitz in "Die letzte Einstellung" über den moralischen Preis von Mitläufertum und auch Ulli Lusts preisgekrönter Sachcomic "Die Frau als Mensch" wird in Zeiten von gesellschaftlichem Regress und toxischer Männlichkeit als Polit-Markenzeichen in einem zeitaktuellen Kontext rezipiert.

Ein weiterer Comicband, der in die Geschichte blickt und vor der Zukunft warnt, war in diesem Jahr David Prudhommes "Rembetissa". Als ein später Nachfolger zu seiner Musiker-Fabel "Rembetiko" (2010) versetzt "Rembetissa" die Leser*innen ins Griechenland des Jahres 1936 – in die Regierungszeit des Militärdiktators General Ioánnis Metaxás. Ein Aspekt der Metaxás'schen Umgestaltung der griechischen Gesellschaft war eine kulturelle Rückbesinnung auf die Antike, "Greece First" würde man als Populist heute sagen. Und ein Dorn im Auge dieses staatsverordneten Kulturverständnisses war der Musikstil Rembetiko, der europäische und orientalische Musiktraditionen verband. "Rembetissa" erzählt von der politischen Verfolgung der Rembetiko-Musiker*innen – und von dem Opfer, das Kulturschaffende für die Allgemeinheit erbringen, wenn sie sich mit ihrer Kunst in autoritären Systemen gegen die Machthaber stellen. 

David Prudhomme war dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse unser Gast. Und kurz davor gab er uns dieses kluge Interview. Viel Spaß damit! 

Lieber David, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über deine neue Graphic Novel "Rembetissa"zu sprechen. Magst du uns eingangs erst mal von dir und deinen Comicwurzeln erzählen? Wann hast du das Medium Comic für dich entdeckt und was hat dich an dieser Kunstform fasziniert?

Mit zwei Jahren habe ich meinen ersten "Asterix" in den Händen gehalten. Dieser Comic hat mich meine ganze Kindheit über begleitet – und tut es noch immer. Ich bin nach wie vor fasziniert, mit welcher Leichtigkeit und Verve Uderzo seinen Figuren Ausdruckskraft verliehen hat.

Was mich schon immer am Comic fasziniert, ja geradezu schockiert hat, ist die Eigenschaft des Mediums, durch das Aneinanderreihen zweier Bilder die Illusion zu erzeugen, mit der Zeit zu spielen. Mit sieben Jahren habe ich meinen ersten Comic gezeichnet. Mit 17 wurde ich zum ersten Mal für einen Comic bezahlt. Mit 20 wurde ich Profi.

Welche Künstler*innen haben dich und deine Art, Geschichten zu erzählen, beeinflusst?

Allen voran natürlich Uderzo. Aber er ist bei Weitem nicht der Einzige. Ich kann mich für alle Arten von Illustrationen und Kunst begeistern, aus allen Epochen und Erdteilen – ob von berühmten Künstler*innen aus den Annalen der Kunstgeschichte oder den Strichen der anonymen Höhlenmaler. Aus meinem eigenen Metier sind es vor allem diese Comic-Kollegen, die großen Einfluss auf mich hatten: André Juillard, Mœbius-Giraud, Víctor de la Fuente, Hergé, Hermann, Herriman, Spiegelman, Mattotti, Muñoz... Heutzutage ist die Szene so groß und vielfältig, dass ich keinen einzigen Namen mehr nennen kann. In der Malerei ist es dasselbe, meine Vorlieben erweiterten sich mit zunehmendem Wissen. Zuerst mochte ich Frans Hals, dann Picasso und Rembrandt, Vermeer, Cézanne, die Flämischen und Italienischen Primitiven, Goya, Van Gogh, Richter, Pollock, Hockney…

Kannst du uns etwas über deinen Arbeitsprozess und die von dir verwendeten Techniken/Materialien verraten? Arbeitest du digital oder analog?

Ich zeichne auf Papier mit Tusche (mit Feder oder Pinsel) und Bleistiften aller Art. Anschließend koloriere ich meine Zeichnungen oft am Computer. So bin ich auch bei "Rembetissa" vorgegangen. Jedes Projekt hat seinen eigenen Stil, der auf sein Thema und seinen Ton abgestimmt ist. Momentan arbeite ich an einem Comic, dessen Farben ich manuell mit Aquarell- und Acrylfarben auftrage. Direkte Farben.

"Rembetissa" ist eine Fortsetzung zu dem Comic "Rembetiko" aus dem Jahr 2010, der einer Gruppe von Rembetiko-Musikern im Griechenland des Jahres 1936 durch eine wilde Nacht folgt. Was war deine Verbindung zu Rembetiko und was hat dich an der Zeit der Metaxas-Ära interessiert?

Der Rembetiko hat mich schon immer fasziniert. Und ich wollte in meinem Comic die sozialen und politischen Bedingungen, die dieser Musikrichtung und der Kunstepoche zugrunde lagen, untersuchen. Ab 1936 zensierte die Diktatur von General Metaxas bestimmte Texte, vor allem aber die zu orientalisch anmutenden Klänge dieser Musik. Und das geschah auf sehr gewalttätige, ja sogar brutale Weise. Er warf dieser Musik vor, die Jugend zu unterwandern. Im Zentrum dieser Staatsgewalt stand speziell die Frage nach den Rolle Griechenlands zwischen Orient und Okzident, nach Exil und sozialem Elend. Metaxas wollte Griechenland verwestlichen, indem er einen beträchtlichen Teil seiner Geschichte leugnete und verschleierte. Diese Politik führt immer zu Katastrophen. Ich wollte diese sinnlose und schmerzhafte Absurdität beschreiben. Aber es gibt noch viele andere Aspekte, die mich an diesem Thema interessierten. Generell müssen immer zahlreiche Faktoren zusammenkommen, bevor man sich entscheidet, einen Comic zu zeichnen.


Warum hast du dich nach 15 Jahren entschieden, in die Welt des Rembetiko zurückzukehren? Wie wolltest du die Geschichte erweitern und fortsetzen, welche neuen Facetten wolltest du hervorheben?

In "Rembetiko" folgt man einer Gruppe von fünf männlichen Musikern, und gegen Ende des Buches taucht eine Sängerin auf, die sie begleitet. Denn Rembetiko besteht aus zwei stilistischen Strömungen, von denen eine vor allem von Frauen gesungen wird (es ist natürlich wesentlich komplexer, aber ich vereinfache hier). Mit diesem zweiten Buch wollte ich beiden Strömungen gleichermaßen Raum geben. Im ersten Buch "Rembetiko" reißen die Musiker, sinnbildlich gesprochen, die Brücken hinter sich ab. Aber was passiert am nächsten Tag, wenn die Brücken zerstört sind, was kann man dann tun? Das ist die zentrale Frage dieses zweiten Buches "Rembetissa".

Die Frauen, um die es in "Rembetissa" geht, sind: Katina, die Besitzerin einer Musikkneipe und Mutterfigur für all die Rembetisten, und die Sängerinnen Beba und Marika. Was kannst du uns über diese drei Figuren erzählen? Welche Rolle spielen sie in deiner Erzählung und wofür stehen sie in Bezug auf die Politik, die Stellung der Frau und die künstlerischen Ausdrucksformen ihrer Zeit?

Es handelt sich um drei Frauen unterschiedlichen Alters und mit sehr unterschiedlichen Charakteren. Sie versuchen, das fast unlösbare Problem der Zensur durch Metaxas zu lösen, jede auf ihre eigene Art. Frauen, die Rembetiko sangen, wurden als den Männern gleichgestellt angesehen, aber die Zensur traf ihre Musik noch härter als die der männlichen Sänger.

Was mir an "Rembetissa" besonders gut gefallen hat, ist deine Darstellung des Singens oder Musikmachens. Wenn in Comics Musik dargestellt wird, versuchen Zeichner*innen den Klang der Musik in der Regel visuell darzustellen, durch Soundwords, Noten, Farben oder andere visuelle Ausdrucksmittel. Du jedoch zeigst nur die Musiker*innen, ihre Körperhaltung und ihre Mimik, wie in einem Stummfilm. Die Leser*innen erfahren die Musik über die Intensität in den Gesichtern der Musiker*innen oder ihres Publikums. Warum hast du dich für diese Methode der Darstellung von Musik entschieden?

Mut zur Lücke! Das Medium Comic hat nun mal keine Audioebene – diesen Mangel wollte ich als Zeichner voll ausnutzen, anstatt zu versuchen, ihn mit grafischen Mitteln auszugleichen. Ich habe einfach die Bilder, auf denen man die Musiker sieht, mit denen konterkariert, auf denen man das Publikum des Cafés sieht, in dem sie spielen. Wenn man den Comic liest, stellt man durch den Rhythmus der Bilder mental die Idee der Interaktion wieder her, die sich abspielt. Man erfindet seine eigene Musik. Am Ende des Buches habe ich eine Liste mit Rembetiko-Songs zusammengestellt, die ich mag und die man sich anhören kann, um diese Musik zu entdecken.

In den letzten Wochen und Monaten war das Thema der Meinungs- und Kunstfreiheit immer wieder in den Schlagzeilen, vor allem aus den USA, wo zuletzt Komiker wie Jimmy Kimmel abgestraft werden sollten, weil sie die Trump-Regierung verunglimpften. Die Parallelen zur politischen Verfolgung in "Rembetissa" sind auffallend ähnlich. Was glaubst du, wie Künstler*innen in autokratischen Systemen Zensur am besten begegnen sollten?

Staatliche Zensur ist eines der Probleme unserer Zeit. Trump ist da nur das prominenteste Beispiel, aber es gibt noch viele andere Länder, in denen Musiker*innen und Künstler*innen verfolgt werden. Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow etwa erlaubt seit Sommer 2024 nur noch Musik zwischen 80 bpm (beats per minute) und 116 bpm. Musik, die langsamer oder schneller ist, ist seitdem verboten. Musik aus dem Westen überschreitet oft 116 bpm. Damit zielt Kadyrow sowohl auf die LGBTQ+-Communitys, aber auch auf traditionelle Gesänge von Frauen aus dem Nordkaukasus ab. Zensur von Kultur ist für autokratische Staaten immer ein unmittelbares, einfaches Mittel, um zunächst eine soziale Gruppe ins Visier zu nehmen, die leicht zu diskriminieren ist. Bei seiner abstrusen Musikzensur hat sich Kadyrow aber einen kleinen Fauxpas geleistet: Die Nationalhymne seines russischen Verbündeten liegt nur bei 71 bpm... Das verdeutlicht die Absurdität all dieser Zensuren. Man ist so fassungslos angesichts dieser Absurdität, dass man gar nicht weiß, wie man reagieren soll. Und bis man reagiert, ist es zu spät. Die Zensur selbst wird dann oft nach einiger Zeit zurückgenommen, aber der Schaden ist real und bleibt.

Was kann man dagegen tun? Ich weiß es nicht, es ist sehr schwierig. Ich kann, wenn ich von Frankreich spreche, niemanden dazu ermutigen, sein Leben zu riskieren. Aber was dann? Die Kunst bleibt die Antwort, ein Ausweg. Kunst kann auch im Verborgenen wirken, um zu überleben und um mehr als nur zu überleben. Dieses Feuer bewahren, in Sicherheit und in Erwartung günstiger Winde. Feiern und Kunst machen.