Zwischen-den-Jahren-Interviews VII – Barbara Yelin

Zwischen-den-Jahren-Interviews VII – Barbara Yelin

Für die Münchner Comickünstlerin Barbara Yelin war das Jahr 2025 vor allem eins: busy, busy ... Im Frühjahr erschien die Buchversion des Anthologieprojekts WIE GEHT ES DIR? (bei den Kolleg*innen vom avant-verlag), das sie zusammen mit anderen Comicschaffenenden als Reaktion auf rassistische und antisemitische Vorfälle in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 und dem Gaza-Krieg ins Leben gerufen hat. Fast zeitgleich ist ihr Comic über die Schauspiellegende Therese Giehse (zum 100. Todestag am 3. März 2025) erschienen. Der biografische Comic, in dem Yelin ihre Finesse als Aquarellmalerin unter Beweis stellt, wurde von den Münchner Kammerspielen in Auftrag gegeben und verteilt – und Herbst 2025 von Reprodukt als Hardcoverband mit neuem Anhang nachgedruckt.

Das Interview für die Pressemappe zu der Reprodukt-Ausgabe von DIE GIEHSE hat uns Barbara Yelin übrigens nicht aus ihrem Münchner Atelier, sondern aus ihrer Künstler*innenwohnung in Rom gegeben. Sie wurde als erste Comickünstlerin überhaupt mit dem Stipendium der Deutschen Akademie Rom geehrt und durfte für 10 Monate in die Villa Massimo in Rom ziehen. Dort arbeitet sie an ihrem neuen Projekt, unterbrochen nur von Kurztrips zurück in Heimat zu Preiszeremonien wie der Auszeichnung "Gegen Vergessen – Für Demokratie, die sie November 2025 für "Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung" (2023) erhalten hat. Busy, busy, wie gesagt ... 

Mit dem extrem spannenden Gespräch, das wir mit Barbara zu DIE GIEHSE geführt haben, beenden wir den Zwischen-den-Jahren-Interview-Reigen und verabschieden uns von Euch aus diesem Jahr. Wir lesen und sehen uns 2026!

Liebe Barbara, deine Comicbiografie "Die Giehse" entstand als Auftragsarbeit von den Münchner Kammerspielen zum 50. Todestag von Therese Giehse am 3. März 2025. Was war dein Zugang zu Therese Giehse und ihrem Werk? Was hat dich an der Aufgabe, dich mit ihrem Leben künstlerisch auseinander zu setzen, begeistert?

Von Therese Giehse kannte ich anfangs tatsächlich nur den Namen – so dachte ich zumindest. Als ich mit der Recherche begann, wurde mir rasch klar, dass ihr Gesicht und ihre Stimme mir längst stark eingeprägt waren, aus verschiedenen Spielfilmen, Serien und Brecht-Aufnahmen. Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht, so markant ist sie. Ihre Bühnenpräsenz muss unglaublich gewesen sein, die Liste ihrer Stücke und Engagements sprengt alle Vorstellungen. Und trotzdem lag mein intensiveres Interesse auf ihrem Leben und auf ihrer Person – wie sie sich gegen größte Widrigkeiten und Verfolgung immer wieder gewehrt hat und sich sichtbar gemacht hat. Eine große Herausforderung und gleichzeitig auch mein künstlerisches Interesse war, aus den vielen Puzzleteilen, die man über ihre Leben sammeln kann, eine lebendige Collage zu machen, zeichnerisch wie textlich.

Wie kam es zu dem Auftrag und warum wollte das Theater ausgerechnet einen Comic für das Giehse-Jubiläumsjahr produzieren?

Intendantin Barbara Mundel war sehr interessiert an den Möglichkeiten eines Comics, sie versteht ihre Aufgabe aus meiner Sicht eben auch darin, Theater in neue Räume zu bringen. Comic hat für mich durchaus auch eine Nähe zu szenischen Formaten, wenn man über visuelle Inszenierung oder Dialogstrukturen nachdenkt. Aber vielmehr ging es sicher darum, eine Form zu finden, die die Giehse multimodal erinnert und gegenwärtig erzählt. Neben dem Comic ist zum Beispiel auch ein eindrucksvoller Audio-Walk über Therese Giehse entstanden, der ebenfalls den Ort der Bühne und des Theaters verlässt und direkt in die Stadt, den öffentlichen Raum, hineinführt.

Mir wurde bei der Umsetzung sehr freie Hand gelassen, für mich ist das essentiell. Bei wichtigen Fragen haben wir aber gemeinsam gesprochen, das war sehr hilfreich. Die größte Herausforderung war es, bei den vielen wichtigen und interessanten Aspekten der Giehse trotzdem einen roten Faden der Erzählung zu behalten. Letztlich habe ich die Länge des Comics auch um zehn Seiten ausgedehnt, einfach weil es nicht möglich war, auf so kurzem Raum so viel zu erzählen, ohne zu stakkatoartig zu werden.

Im Buch ist der eigentlichen Erzählung eine Illustration aus dem Comic vorangestellt, in dem eine ältere Giehse in abweisender Haltung sagt: "Aber über mich rede ich nicht." Du thematisierst im Vorwort und im Comic selbst, wie strikt Giehse immer in der Außendarstellung Privates und ihre Kunst trennte. Wie herausfordernd war es für dich, einer Person, die hauptsächlich als Myriade von Bühnenfiguren existierte, Leben einzuhauchen?

Sicher war Giehses Diskretion eine der größten Herausforderungen: Eine Balance zu finden, einerseits ihren Wunsch nach Privatheit auch posthum zu respektieren und dabei trotzdem die Vielschichtigkeit ihres Lebens und mögliche Gründe für die Diskretion sichtbar zu machen. Das fand ich wirklich schwierig. Ich habe dann entschieden, mit zwei Erzählebenen zu arbeiten: einer informativen, neutralen Erzählstimme und einer Text-Collage aus ihren eigenen Zitaten. Im Wechsel mit den Dialogen und den Bühnenzitaten kommt so ein Wort-Zusammenspiel heraus, das mich interessiert – aus den verschiedenen Textebenen und natürlich der Reihung der Zeichnungen selbst entsteht ein Erzähl-Rhythmus, bei dem im besten Fall die Teile ein neues, flirrendes Ganzes ergeben.


Einer der Gründe, warum Therese Giehse sich in die Annalen der deutschsprachigen Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat, war ihre Bühnenpräsenz. Im Comic gehst du immer drauf ein, welch singuläre Erscheinung Giehse auf der Bühne gewesen sein muss. Wenn man einen Film über das Leben einer Schauspielikone wie Giehse machen würde, würde man vermutlich versuchen, diese Ausstrahlung durch Schauspielkunst, Ausstattung, Schnitt, etc. nachfühlbar zu machen, aber wie geht man als Comiczeichnerin an die Aufgabe heran, brillante Schauspielerei in Comicillustrationen einzufangen?

Das ist die Leerstelle, die ich ganz bewusst nicht fülle. Die Besonderheit einer Theateraufführung liegt ja auch wesentlich in ihrer gegenwärtigen Präsenz, in der Flüchtigkeit dieses Moments. Auch ein Film kann diesen nur nacherzählen. Ich glaube, was der Comic hier kann, ist: um das Spielen, um den Moment der Bühne, herum zu erzählen. Ein Interesse dafür zu wecken, selbst nachzuschauen, oder, noch besser, einfach direkt ins Theater zu gehen, auch wenn man die Giehse selbst dort nicht mehr sehen kann. Aber das Interesse für genau diesen Bühnenmoment zu wecken. Nur an einer Stelle habe ich versucht, zeichnerisch eine Passage auf der Bühne genau zu erfassen: Die berühmte Szene des Suppelöffelns in „Die Mutter“. Davon gibt es ganz tolle Fotos, die ich genau anschauen und zeichnerisch verwenden konnte. Ich habe sie dann aus dem dunklen Hintergrund herausgelöst und diese Bildersequenz wiederum mit Zitatstücken der Giehse kombiniert, aus dem umwerfenden Interview, das Harald von Troschke mit ihr führte. Es geht ja nie darum, nachzuerzählen, sondern neu zu erzählen.

Therese Giehse ist auch ein Lehrstück über politische Widerstandskraft – ob als Teil des Pfeffermühle-Ensembles während des Zweiten Weltkriegs oder als Brechts Muse und "Mutter Courage" im geschichtsvergessenen Nachkriegsdeutschland: Du zeigst Giehse als unbequeme und kompromisslose Idealistin, die bis zuletzt ihre Werte und Ansichten vertritt.

Der Aspekt ihrer politischen Widerstandskraft ist natürlich zentral. Für mich steht darüber aber noch ihr Mantra "Ich muss spielen". "Therese spielt" ist deshalb ein sehr häufig wiederkehrender Satz in dem Comic geworden. Besonders spannend fand ich, wie sich Therese Giehse genau über das Spielen selbst als widerständig zeigte. Die Wahl ihrer Rollen, mit wem sie arbeitete und wem sie sich eben nicht andiente, schuf dieses starke Profil. Man muss sich darüber im Klaren sein, welche Möglichkeiten ihr – als Frau, als Jüdin, als Nazigegnerin – in einem Europa nach 1933 überhaupt offenstanden. Zentral zu nennen ist hier ihre Verbindung mit Erika Mann. Wo Erika idealistisch, visionär und planerisch war, war Therese eben die unglaublich starke Schauspielerin, die Umsetzerin. Ohne einander wäre die "Pfeffermühle" nicht möglich gewesen. Trotzdem wählte sie nach dem Experiment der amerikanischen Tournee den Rückgang nach Zürich, ohne Erika. Denn sie konnte in den USA ihr Spielen nicht verwirklichen.

Mich hat bei der Recherche zu Giehses Anfängen in München, die 1920er und die frühen 1930er Jahre, oftmals die erschreckende Parallelität zu heutigen Ereignissen überwältigt. Die Kürzungen der öffentlichen Gelder für das Theater, die Reichhaltigkeit von Kunst und Kultur der 1920er und dem gleichzeitig brachialen Erstarken des rechtsradikalen Spektrums, die Verengung der öffentlichen Räume, die öffentlichen Anfeindungen durch Presse und Politik von politisch Andersdenkenden.

Dass Therese Giehse nicht nur diesen großen Mut hatte, sich nicht unsichtbar machen zu lassen, sondern sichtbar zu sein und zu spielen in den für sie teils lebensbedrohenden Situationen, das ist unvorstellbar couragiert. Ich glaube, dass das Profil von Giehses politischer Widerständigkeit auch darin besteht: Dass sie es immer durchgesetzt hat, überhaupt zu spielen. Später, nach dem Krieg, setzte sie ihre Eigenständigkeit durch die Wahl der Rollen, der Regisseure, der Spielorte durch. Sie spielte in Ostberlin, sie spielte mit Brecht, mit Dürrenmatt, später mit Peter Stein und Franz Xaver Kroetz. Sie sprach durch ihre Rollen. Aber das Spielen an sich stand immer an oberster Stelle. Dieses berufliche Selbstverständnis über die Jahrzehnte ist gerade als Frau universell bedeutend und beispielgebend.

Für DIE GIEHSE hast du im Vergleich zu deinen anderen Arbeiten einen sehr losen, malerischen und skizzenhaften Stil angewandt, in dem Farben und Formen oft ineinander übergehen. Wie bist du grafisch an dieses Projekt herangegangen?

Wie immer ist der Stil meiner Zeichnungen etwas, das sich im Prozess der Projektarbeit ergeben hat. Ich fand das genaue Abzeichnen von Theaterfotos nicht interessant für dieses Projekt. Es ging vielmehr um Eindrücke, die ich in einer Offenheit wiedergeben wollte, die der flüchtigen Präsenz des Theaters nahekommen. Mich hat die Sequenz, die Panelfolge und der Rhythmus der Sprache mehr interessiert als das Einzelbild und ich wollte nicht illustrativ arbeiten, sondern den Lesefluss möglichst kräftig durch die Zeichnungen begleiten, ohne ihn zu verengen. Manche der Bilder sind sehr offengehalten, andere aber wieder genau – es geht immer um den Inhalt. Die Person der Giehse selbst war war auch eine zeichnerische Herausforderung, sie ist so wandelbar über die Jahrzehnte, in ihren Rollen oft nicht wiedererkennbar, rastlos und gleichzeitig strahlt sie immer eine Ruhe aus. Das wollte ich rüberbringen. Und dabei möglichst wenig von ihr festschreiben, festzeichnen.

Aktuell lebst du in Rom in der renommierten Deutschen Akademie Villa Massimo als Teil von einem zehnmonatigen Stipendiat*innenprogramm. Du bist die erste Comickünstlerin, die mit dem so genannten Rompreis bedacht wird. Was bedeutet dir diese Ehre und woran arbeitest du als Teil des Villa-Massimo-Aufenthalts?

Es ist eine überwältigende, wunderbare Möglichkeit und ein großes Geschenk, hier in der Villa Massimo sein zu dürfen! Zehn Künstler*innen verschiedener Sparten sind gleichzeitig über zehn Monate hier und der Austausch über mögliche Gemeinsamkeiten und neue Denkräume ist eine lang ersehnte Gelegenheit, für mich Neues zu entdecken. Der großzügige Platz und die geschenkte Zeit sind bereits jetzt unersetzbar. Wichtig ist, dass man hier auch mit Partner*innen und Familie sein kann, ansonsten könnte ich diese Residency gar nicht wahrnehmen. Ich bin für die Sparte Literatur ausgewählt – dass eine Comicautorin hier Einzug nehmen darf, ist tatsächlich das erste Mal. Für unser Anliegen des Comics als Kunstform ist das bahnbrechend. Gleichzeitig weist es aber auch darauf hin, dass alle Kunst-Sparten ja schon lange durchlässig sind in einer Form der Multimodalität und Intermedialität. Das interessiert mich.

Ich möchte hier ein neues Buch machen und erarbeite mir gerade die Inhalte, suche auch nach neuen Formen der Darstellung und Wort-Bild-Kombination. Es wird ein freies, eigenständiges Projekt sein. Zusätzlich interessiert mich die Erweiterung von Formen der Präsentation von gezeichneten Geschichten, über das Buch hinaus oder parallel zum Medium Buch. Da möchte ich auch Formen der Präsenz ausloten, wie man visuelle Lesung, Livezeichnen und Spoken Word gegebenenfalls neu probieren und kombinieren kann.

"Die Giehse" durfte ich letztes Frühjahr gemeinsam mit Schauspielerin Wiebke Puls an den Kammerspielen präsentieren. Wir haben unter ihrer Regie gemeinsam gelesen, die Bilder wurden projiziert und dazu unter eine Tonebene eingespielt, die von ihr und den Tonmeistern des MK gestaltet und produziert worden war. Das war ein großartiges Leseerlebnis, das mich inspiriert hat, hier weiter zu denken.