Zwischen-den-Jahren-Interviews II – Luz

Zwischen-den-Jahren-Interviews II – Luz

"Zwei weibliche Hakbakte" ist Luz' Kommentar zu Staatszensur und Kunstfreiheit, zu Rechtsruck und dem unbedarften Abtreten demokratischer Rechte und Prinzipien an populistische Rattenfänger und Scharfmacher. Der Comic über Otto Muellers Gemälde "Zwei weibliche Halbakte" und seine Reise quer durch das 20. Jahrhundert war unser zweites großes Presse-Highlight in diesem Jahr. Zum Release des Bands Anfang Mai hatten wir das große Vergnügen, den französischen Comickünstler Rénald „Luz” Luzier für eine exklusive Pressekonferenz im Museum Ludwig in Köln – in unmittelbarer Nähe zu dem Originalgemälde "Zwei weibliche Halbakte" – zu kriegen. Eine seltene Ehre: Auch über 10 Jahre nach dem Anschlag auf die Redaktion des Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 lebt der ehemalige Charlie-Chefredakteur Luz incognito und tritt öffentlich nicht auf. Im Rahmen des Presseevents hat unter anderem Denis Scheck für ARD "Druckfrisch" mit Luz gedreht. 
An dieser Stelle also unser eigenes Pressemappen-Interview mit Luz. Viel Spaß damit! Schönen 2. Weihnachtsfeiertag noch! 

Lieber Luz, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit uns über Ihr neues, preisgekröntes Werk "Zwei weibliche Halbakte" zu sprechen. Ihre letzte Graphic Novel "Testoterror" (auf Deutsch bislang unveröffentlicht) war eine bissige, Larger-than-life-Satire, mit "Zwei weibliche Halbakte" vollziehen Sie nun einen Stimmungswechsel zu einem ernsten Sujet, das komplett ohne Humor auskommt. Wie kam es zu diesem Wandel?

"Testoterror" habe ich von Anfang an als Komödie angelegt und als Kommentar auf unsere Zeit. Über mehrere Jahre hinweg habe ich die gesellschaftlichen Entwicklungen beobachtet, insbesondere die Männerwelt. Ich habe die ganze satirische Finesse in den Comic einfließen lassen, die ich mir in meiner Zeit als politischer Karikaturist angeeignet hatte. Für mein anschließendes Projekt wollte ich künstlerisch ein bisschen über meinen eigenen Tellerrand hinausblicken, die Perspektive erweitern. Und meine Wahl fiel auf dieses Gemälde, anhand dessen ich die Lebensgeschichten von unzähligen Menschen, Männern und Frauen, erzählen könnte, die große Geschichte und die kleinen, vergessenen Lebensfäden, die "Comédie humaine" ebenso wie persönlichen Tragödien … Ein Gemälde, das es mir ermöglichen würde, den Malern des 20. Jahrhunderts nachzuspüren, deren künstlerisches Wirken mich schon immer so geprägt hat. Künstler Georges Grosz oder Otto Dix, die von den Nazis ins Visier genommen wurden, weil sie nicht mehr das „Schöne“ reproduzieren wollten, sondern versuchten, die harten Seiten der Gesellschaft und die Widersprüchlichkeiten des Menschen auszudrücken. Ich wollte den Leser*innen eine einzigartige Lektüreerfahrung bieten: Sie in das Herz eines Kunstwerks versetzen, das ein Jahrhundert voller Prüfungen überstanden und als stummer Zeuge seiner Epoche die Zeit überdauert hat.

Was hat Sie an dem Thema so fasziniert?

Ach, wissen Sie, für die Recherche für "Testoterror" habe ich Wochen auf den sozialen Medien verbracht und mich durch unzählige Videos von Fitnesstrainern und irgendwelchen Männer-Influencern und maskulinen Hysterikern gequält. Das kann auf die Dauer ganz schön an der Lebenslust nagen. Für Zwei weibliche Halbakte" konnte ich mich in der Vorbereitung in Kunst- und Geschichtsbüchern sowie Schwarzweißfotos vergraben. Ich wollte einer Zeit, die in unserer Erinnerung erstarrt ist, Leben und Farbe verleihen und zeigen, wie nah der Alltag und die Ängste der Menschen der 1920er, -30er, -40er Jahre trotz der Jahrzehnte, die uns trennen, an unseren eigenen Leben liegen. In diesem Comic begegnen wir einem Paar, das sich entzweit, einem Sammler, der antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt ist, unmoralischen Kunsthändlern, einer extremen Rechten, die sich in Europa durchsetzt ... Nichts davon ist uns leider fremd. Vor diesem Bild begehen Männer und Frauen Selbstmord, Nazis marschieren auf, Kunstwerke werden beschlagnahmt, zerstört, verbrannt, Familien gehen ins Exil ... Das Werk ist machtlos, das Unerbittliche umzukehren, aber es legt Zeugnis ab. Ich musste mich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um die Gegenwart zu hinterfragen: Sind wir alle passive Akteure der Geschichte wie ein Bild, das an der Wand hängt?

Warum haben Sie gerade dieses Bild ausgewählt?

Auf „Zwei weibliche Halbakte“, das Gemälde von Otto Mueller, das meiner Graphic Novel den Titel verleiht, fiel meine Wahl, während ich mich mit der berüchtigten Münchner „Entartete Kunst“-Ausstellung von 1937 auseinandergesetzt habe. Vier Jahre nach ihrer Machtübernahme beschlagnahmten die Nazis Werke der modernen Kunst aus den Museen der Länder ihres damaligen Machtbereichs, um sie als „entartet“ zur Schau zu stellen. Der Hass des gescheiterten Malers Hitler fand hier seinen erstaunlichsten Ausdruck: Mehr als 600 Werke wurden in einem kleinen archäologischen Institut zusammengepfercht. Die Besucherinnen und Besucher sollten sich vor dieser Kunst ekeln, die seiner Meinung nach von geistig Behinderten im Auftrag einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung geschaffen worden war. Eine „Anti-Ausstellung“ in gewisser Weise. Von Chagall bis Picasso, von Kandinsky bis Beckmann, alle großen Namen waren vertreten. Paradoxerweise hatten die Nazis damit die größte Ausstellung moderner Kunst des 20. Jahrhunderts zusammengestellt. Ich wollte mein Buch auf einem dieser stigmatisierten Werke aufbauen, am liebsten von einem Künstler, der der breiteren Öffentlichkeit weniger bekannt ist, einem der vielen „verstoßenen“ Zeitgenossen.

In einer Art persönlichem „Casting“ studierte ich die Geschichte jedes dieser Werke. Als ich auf ein Foto von Otto Muellers „Zwei weibliche Halbakte“ stieß, das schräg auf Kinderhöhe aufgehängt worden war, wusste ich, dass ich fündig geworden war. Das Bild hat nichts Politisches oder Soziales an sich. Es ist nur ein Doppelporträt, in das man alle Emotionen hineinlegen kann, die man möchte. Als ich seinen Lebenslauf studierte, war ich fast erschlagen von der Anzahl der Schicksale, die es berührt hat, und der Leben, die es selbst geführt hatte. Und ich fand heraus, dass das Gemälde trotz Beschlagnahmungen, Selektionen und Enteignungen nun im Museum Ludwig in Köln ausgestellt wurde. Es hatte die Geschichte überstanden und überlebt. Ein bisschen wie wir alle. Ich begann an ihm zu arbeiten, noch bevor ich es in natura gesehen habe.

Was hat es in Ihnen ausgelöst, als Sie das Gemälde zum ersten Mal in echt gesehen haben?

Bevor ich dem Bild im Museum Ludwig gegenüberstand, hatte ich mich ein ganzes Jahr lang in seine Rolle hineinversetzt. Ich habe immer eine sehr intensive Beziehung zu den Figuren in meinen Comics. Ich verbringe ja Monate, manchmal Jahre in ihrer Gegenwart. Ich führe einen Dialog mit ihnen, sei es mit Vernon aus "Vernon Subutex" oder Jean-Pat für "Testoterror". Bei "Zwei weibliche Halbakte" war es anders – ich habe in ihm gelebt, um seinen Weg und seine Zeit verstehen zu können. Ich versetzte mich und die Leserinnen und Leser des Buches in die Rolle des „Betrachters“. Doch als ich es besuchte und von den Mitarbeitern des Museums Ludwig mit aller Herzlichkeit empfangen wurde, war ich schockiert. Ich war zum „Betrachter“ geworden.

Als Künstler versteckt man sich immer hinter seinem Werk. Und ich hatte mich ein Jahr lang hinter dem Werk eines anderen versteckt. Plötzlich war ich nackt. Viel mehr als die beiden Mädchen, die vor mir abgebildet waren. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, tat ich also das Einzige, was ich kann: Ich zeichnete sie. Von Angesicht zu Angesicht. Als Anekdote: Ich habe eine Dreiviertelstunde gebraucht, um das Bild zu reproduzieren. Genau diese Zeit verbrachten die Erben des Malers damit, das Bild zu betrachten, als es ihnen endlich zurückgegeben wurde. Dieses Buch soll nicht nur die Geschichte dieses Gemäldes, sondern auch die Geschichte aller Menschen, die diesem Bild begegnet sind, und die Emotionen, die es in ihnen ausgelöst hat, mit anderen teilen.


Welche Parallelen würden Sie zwischen der Geschichte, die Sie erzählen, und ihrem eigenen Leben ziehen? Hat Sie die Geschichte von Otto Mueller und seines Werks auch persönlich berührt?

Als ich als junger Zeichner nach Paris kam, suchte ich einen Psychiater auf, um meine Flugangst zu überwinden. Er antwortete mir, dass er mich nicht von meinen Neurosen heilen wolle, da diese für meinen kreativen Prozess grundlegend seien. Ich weiß nicht, ob er recht hatte, aber es folgten einige spannende Sitzungen, in denen wir über die expressionistische Kunst der Jahrhundertwende in Deutschland diskutierten. Er brachte mir diese Zeit näher, in der die Unterschiede zwischen Malern und Karikaturisten, zwischen Bildender Kunst und humoristischer Zeichnung, aufgehoben schienen.

Ich war gerade bei Charlie Hebdo eingestiegen, wo der politische Kampf genauso wichtig war wie die grafische Ausdruckskraft, obwohl sich keiner der Zeichner in unserer Redaktion als „Künstler“ verstand. Ich habe mich dieser Künstlergemeinschaft, die ihre Ausdrucksfreiheit gegen die damaligen Konventionen der Malerei behauptete und dabei manchmal ihr Leben riskierte, immer sehr nahe gefühlt. Auch wenn Otto Mueller ein etwas abgehobener Maler war, weniger politisch und ekstatischer als die anderen, haben mich die Schwärze seiner Konturen und die Spontanität seiner Farben immer inspiriert. Ob wir nun Maler, Zeichner, Schriftsteller oder Künstler im weitesten Sinne sind, ob wir es wollen oder nicht, unsere Arbeit ist der einzig wahre Zeuge unserer Zeit. Was Otto Mueller auf die Leinwand gebannt hat, hat die Zeit überdauert und kann uns über ihn Auskunft geben – ob über die Liebe zu seiner Frau oder über seine Faszination für das Leben der Sinti und Roma. Das von den Nazis gehasste Werk wurde mehrmals beinahe zerstört, aber es hat überlebt. Inmitten des Horrors gibt es manchmal ein Happy End.

Hat sich die Malerei Otto Muellers auch auf ihren eigenen Zeichenstil übertragen?

"Zwei weibliche Halbakte" ist ein Comic, der größtenteils in Grundfarben gehalten ist. Ich wollte den natürlichen Tönen des Gemäldes näherkommen, als würden wir die Realität durch ihren eigenen grafischen Filter sehen, als ob sich eine Schicht Lack auf die "Augen" der Leser*innen gelegt hätte. Ich wollte, dass man beim Lesen komplett mit der Perspektive des Gemäldes verschmilzt. Die dargestellte Welt sollte von dem Gemälde im wahrsten Sinne des Wortes „eingerahmt“ werden. Daher ist alles in diesem Buch homothetisch zu Otto Muellers Gemälde, vom Gesamtformat bis hin zu dem jedem einzelnen Panel. Um die chaotische Entwicklung des Werks darzustellen, aber auch um die klassische Panelstruktur des Comics zu vermeiden, musste ich grafisch ständig neue Wege beschreiten, atypische Panelstrukturen und neuartige Perspektiven erschaffen, um die verschiedenen Positionen des Gemäldes im Laufe der Zeit widerzuspiegeln. Um dem Werk eines anderen Künstlers gerecht zu werden, muss man selbst als Künstler wachsen. Die Arbeit an diesem Buch hat mich sowohl als Erzähler als auch als Illustrator um einiges vorangebracht.

Was sollen Ihre Leser*innen aus Ihrem Comic mitnehmen?

Ich wollte zeigen, dass wir alle genauso von der Geschichte hin- und hergeworfen werden wie jedes andere Objekt. Und manchmal genauso missverstanden werden wie ein Kunstwerk. Vielleicht ist dies der wahre Grund, warum wir in Museen gehen: Um zur Ruhe zu kommen und uns mit dem Voranschreiten der Zeit auseinanderzusetzen. Muellers Werk hat nicht nur den Künstler selbst, sondern auch die Unterdrückung, die er erlitt, überdauert. Die Schönheit des Gemäldes selbst ist erhalten geblieben. Das Bild beweist, dass Kunst ein Akt des Widerstands und der Hartnäckigkeit sein kann. Meine grafische Annäherung soll die Arbeit von Historiker*innen nicht ersetzen. Ich setze als Comickünstler einfach nur meine Vorstellungskraft ein, um die blinden Flecken der Geschichte zu füllen. Das Imaginieren der Geschichte dieses Gemäldes bringt die große Weltgeschichte und unsere kleine Geschichte zusammen. In einer Zeit, in der direkte Zeugen der Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts nach und nach verschwinden, ist es entscheidend, dass auch Künstler die Erinnerungsarbeit übernehmen.

"Testoterror" entstand aus der Sorge über den aktuellen Anstieg toxischer Männlichkeit. "Zwei weibliche Halbakte" liegt eine ähnliche, aber tiefere Sorge zugrunde: Wie kommt es, dass die extreme Rechte in Europa weiterhin so leicht an Popularität gewinnt, wie kommt es, dass wir aus der jüngsten Geschichte so wenig gelernt haben? 

Bei "Testoterror" war Humor mein Rückzugsort, bei "Zwei weibliche Halbakte" ist dieser Ort das Gemälde selbst.

"Zwei weibliche Habakte" hat Anfang des Jahres auf dem Comicfestival Angoulême den Fauve d‘Or, den wichtigsten europäischen Comicpreis, gewonnen. Wie war das für Sie, diesen Preis vor der versammelten französischen Comicbuchwelt entgegenzunehmen?

Im Grunde genommen habe ich erst vor zehn Jahren begonnen, mich ausschließlich durch das Zeichnen von Comics auszudrücken. Im Vergleich zu allen Kreativen, die bei diesem Festival anwesend waren, bin ich ein Baby. Und es war eine große Freude, nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit wieder Kontakt zu meinen Leser*innen aufnehmen zu können. Die Preisverleihung in Angoulême war für mich weit mehr als die Würdigung eines Buches, das ich jahrelang auf meinen Schultern getragen habe, oder die Krönung einer Karriere. Dieser Fauve d’Or war die Bestätigung dafür, dass ich richtig lag, das Zeichnen nie aufzugeben, denn das Zeichnen hatte mich nie verlassen.