Zwischen-den-Jahren-Interviews I – Ulli Lust
Oha, schon wieder ein Jahr rum ... Und was für eins! Neue Bücher von Isabel Kreitz, Barbara Yelin, Luz, Guy Delisle, Paco Roca, Charles Berberian, Joe Sacco, David Prudhomme – und dazu unser erster SPIEGEL-Bestseller, Ulli Lusts mit dem Deutschen Sachbuchpreis prämierter Sachcomic "Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte"! 2025 waren wir ganz schön am Rotieren ... :-)
Bevor wir uns also ein paar redlich verdiente Tage Auszeit gönnen, möchten wir euch mit ein wenig Lesestoff versorgen. Wie in den letzten Jahren lassen wir zwischen den Jahren hinter die PR-Kulissen blicken: Für fast alle 2025-Neuerscheinungen hat unsere Presseabteilung in diesem Jahr ausführliche Pressedossiers erstellt, inklusive eigenen Interviews mit unseren Künstler*innen. Die besten dieser exklusiven Interviews werden wir in den kommenden Tagen auf unserem Blog veröffentlichen.
Den Anfang macht die Berliner Zeichnerin und Autorin Ulli Lust – viel Spaß dabei!
Liebe Ulli, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, mit uns über dein im Frühjahr erscheinendes Werk "Die Frau als Mensch" zu sprechen. Kannst du uns eingangs ein bisschen mehr über dich und deinen Comic-Werdegang erzählen? Wie lange begleitet dich das Medium schon? Was hat dich als junge Illustratorin an den narrativen und künstlerischen Möglichkeiten des Comics angezogen?
Das Medium Comic habe ich erst mit 30 "entdeckt"“". Gelesen habe ich sie natürlich auch früher, wenn sich die seltene Möglichkeit ergab. Aber ich hätte mir vorher nie zugetraut, selbst Comics zu zeichnen. Im Herbst 1995 bin ich von Wien nach Berlin gezogen, um ein Jahr als Gasthörerin an der UdK Illustration zu studieren. Als Gasthörerin, weil es ein spontaner Entschluss war. Henning Wagenbreth war so freundlich, mich in seiner Klasse studieren zu lassen. Aus einem Jahr wurde ein zweites und ein drittes… Und als der Professor bemerkt hat, dass ich gar nicht an irgendeiner anderen Uni eingeschrieben war, wie es Gaststudent*innen üblicherweise sind, die wieder weggehen, hat er es nicht mal thematisiert. Das war wirklich toll!
In den Druckereien der beiden Kunsthochschulen, UdK und Weißensee, habe ich Bücher und Hefte gedruckt, mit kleinen Geschichten und einem Bild pro Seite. An der Kunsthochschule Weißensee habe ich schlussendlich auch mal eine Aufnahmeprüfung bestanden (es war die siebte) und dann dort regulär studiert.
In Weißensee warst du Gründungsmitglied der Künstler*innen-Gruppe Monogatari. Kannst du uns ein bisschen über diese Zeit erzählen? Welche Rolle spielten Monogatari und der Austausch mit Künstler*innen wie Jens Harder, Kai Pfeiffer und Mawil für deine künstlerische Entwicklung?
Eines Tages sprach mich in Weißensee ein Kommilitone aus einem höheren Semester an, ob ich nicht mit zum Fumetto-Festival kommen wolle, ich würde doch auch Comics zeichnen. Ich habe verwundert geschaut: „Was? Ich mache keine Comics!“ Das war Kai Pfeiffer, der mir erklärte, dass man meine kleinen Hefte durchaus so nennen dürfe. Er suchte gerade Mitstreiter*innen für eine Exkursion zum Fumetto in Luzern. Die Reise war ein durchschlagender Erfolg. Danach war ich bereit für Panels und ein kleinteiliges Seitenlayout. Beim Fumetto wurden 1999 Originale von Chris Ware ausgestellt, von Anna Sommer und Daniel Clowes. Le Dernier Cri zeigten eine völlig irre Hospital-Brut-Inszenierung im ehemaligen Gefängnis. Mawil war auch mit auf dieser Reise. Er war in meinem Jahrgang und zeichnete schon zu Beginn seines Studiums fast so gut wie heute. Im Jahr darauf haben wir die Gruppe Monogatari gegründet und beim nächsten Fumetto einen Ausstellungsraum bespielt.
Zufällig studierten in verschiedenen Jahrgängen an der Kunsthochschule Weißensee ein paar comicbegeisterte Leute. Weil wir alle eigene Bücher/Hefte/Ausstellungen u. ä. gemacht haben, hat sich schnell eine Gruppe formiert. Wir haben uns gegenseitig sehr viel Rückenwind gegeben. Kai Pfeiffer kannte immer schon alles, z. B. Joe Sacco oder eine Comicreportage von Gary Panter über Waco. Damals habe ich für die Stadtzeitung Scheinschlag illustriert und geschrieben und fand die Möglichkeit interessant, journalistisch mit Comics zu arbeiten. Unsere Professorin Nanne Meyer hat sich schnell überzeugen lassen, Comicreportagen als Kurs anzubieten, und der lief dann so gut, dass wir ihn im nächsten Jahr wiederholten. Wir alle aus dieser Gruppe haben eigentlich die meiste Zeit unseres Studiums an der Kunsthochschule Weißensee Comics gezeichnet, obwohl es nicht im Lehrplan stand.
Was hat dich damals an diesem Zusammenschluss von Journalismus und Comic interessiert?
Ich habe mir das Medium Comic mit dokumentarischem Zeichnen erarbeitet. Vorher hatte ich oft fiktive Stoffe illustriert. Jetzt faszinierte mich die Beschränkung auf das "echte Leben". Wir haben versucht, Alltagsbeobachtungen in Bild-Text-Sequenzen zu übersetzen und das Besondere im Alltäglichen zu finden. In Österreich gab es eine begnadete Dokumentarfilmerin, Elizabeth Spira, ihre grotesken "Alltagsgeschichten" waren eine große Inspiration für meine Comicreportagen.
Dein großer Durchbruch, auch international, war die autobiografische Graphic Novel "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" (avant-verlag, 2012). Warum wolltest du damals diese Geschichte, zumal auf fast 500 Seiten, erzählen?
Als Leserin war ich Romanleserin, gerne 500 Seiten. Mir kamen die klassischen französischen Comicalben immer ein wenig zu kurz vor. Damals gab es schon ein paar dickere Indie-Comics. Die Zeit war reif. Ich habe nach einem dokumentarischen Stoff gesucht, der das Potenzial für die lange Strecke hat. Schließlich hat mich wieder mal Kai Pfeiffer, der seit einigen Jahren mein Partner war, darauf gestoßen, dass dieses Abenteuer aus meiner Teenagerzeit ein guter Kandidat wäre.
Du unterrichtest seit 2013 an der Kunsthochschule Hannover. Kannst du uns ein bisschen über diesen Aspekt deiner Laufbahn erzählen? Wie war es um den Comic an den Kunsthochschulen und seine Wahrnehmung im akademischen Kontext damals bestellt? Und was hat sich bis heute in dieser Hinsicht getan?
In Deutschland habe ich Hochschulen dem Comic gegenüber sehr aufgeschlossen erlebt. Es gibt schon länger die Tendenz, Comiczeichner*innen in die Illustrationsdepartments zu berufen, weil sie mit der eigenen Autor*innenschaft noch eine weitere Disziplin zum reinen Illustrieren von fremden Texten hinzufügen. Diese Professor*innen (Anke Feuchtenberger, Martin tom Dieck, Markus Huber, ATAK, bis vor Kurzem auch Hendrik Dorgathen) zeichnen und analysieren dann natürlich auch Comics in ihrer Lehre.
Die genaue Bezeichnung meines Postens heißt "Illustrative Gestaltung", aber mittlerweile haben wir die Studienrichtung "Grafisches Erzählen" innerhalb des Studiengangs Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover geschaffen. Ich schätze, in der nahen Zukunft wird KI einen großen Teil der Jobs in Graphic Design und Illustration übernehmen. Die KI kann auch erzählen, aber als Leserin interessiert mich nicht, was sie zu sagen hat. Ich möchte sehen und lesen, was andere Menschen denken und empfinden. Es ist auch ungleich interessanter, darüber nachzudenken, warum sie diese oder jene künstlerische Entscheidung getroffen haben.

Dieser Tage erscheint mit dem ersten Teil von "Die Frau als Mensch" deine neue, lange erwartete Graphic Novel. Nach Literaturadaption ("Flughunde" und autobiografischen Erzählungen ist "Die Frau als Mensch" dein erstes buchlanges Sachbuch. Wie kam es zu diesem Projekt und was hat dich dazu inspiriert, zur Kulturgeschichte der Frau zu forschen? Was sind deiner Meinung nach die größten kollektiven Wissenslücken und Missverständnisse unserer Zeit in Hinblick auf die Betrachtung frühmenschlicher Kulturen?
Meine ersten so genannten Comics mit 30 waren eine Heftserie namens „Springpoems“. Inspiriert von jungsteinzeitlichen Fruchtbarkeitsritualen erschien jedes Jahr im Frühling ein Heft, das von einer Göttin erzählte, die im Winter schläft, im Frühling aufwacht und ihren Liebhaber sucht. Sie findet ihn, die beiden haben Sex, der Frühling kommt. Das Ritual wurde in Varianten wiederholt. Das erste Heft erschien 1998, das letzte 2005. Seither verfolge ich wissenschaftliche Publikationen zur Frühgeschichte und besuche Museen und Fundorte, wann immer möglich.
Neue und feinere Forschungsmethoden haben in den letzten Jahrzehnten für viele Überraschungen gesorgt. Es gab einen Paradigmenwechsel in der Rezeption der Frühgeschichte – nicht zuletzt dank der Beiträge zunehmend weiblicher Wissenschaftler:innen. Das schien mir ein guter Anlass, eine Zusammenfassung des aktuellen Standes als Comic zu versuchen. Weil ich selbst keine Wissenschaftlerin bin, sondern Künstlerin und höchstens Expertin für Bildsprache, habe ich die Form eines essayistischen Comics gewählt. Damit kann ich in Bildern und Texten gemeinsam mit den Leser*innen Fragen stellen, muss aber nicht notwendigerweise Antworten geben.
Dein Comic beginnt mit einem Exkurs über die Darstellung von Frauen in der menschlichen Frühzeit und deren wissenschaftlicher Beurteilung durch eine lange Zeit von Männern geprägte Geschichtskunde und Anthropologie. Genauso wie die Wissenschaft von Männern dominiert wurde, sind die Darstellungen von Menschen aus der Frühzeit von Frauenfiguren geprägt. Inwiefern fordert das unsere bisherigen Vorstellungen über diese Zeit heraus?
Die große weibliche Präsenz in der Kunst der sogenannten Vorgeschichte ist zumindest ungewöhnlich. "Geschichte" bezeichnet üblicherweise die letzten 6.000 Jahre seit der Erfindung der Schrift. Alles davor ist Vorgeschichte. Vor etwa 7.000 Jahren beginnen die Bilder zunehmend Gewaltdarstellungen zu zeigen und irgendwann lösten Männerbilder die vielen Frauenstatuetten ab, die zum geläufigen Fundschatz jungsteinzeitlicher Ausgrabungen gehörten. Die Bilderwelten der Eiszeit und des Neolithikums unterscheiden sich in vieler Hinsicht von den späteren. Das macht es spannend, sie zu studieren. Andererseits gibt es bestimmte Zeichen und symbolhafte Bilder, die immer wiederkehren und durch viele Kulturen gefiltert tradiert wurden. Sie legen eine Fährte zurück auf der schwierigen Spurensuche in eine sehr ferne Vergangenheit.
Heute sind wir einen starken männlichen Selbstdarstellungstrieb gewohnt und nehmen an, dass es immer so gewesen sein muss. Aber in Bildmotiven der Eiszeit spielen Männer rund 20.000 Jahre lang eine eher marginale Rolle. Die meisten Menschendarstellungen der eiszeitlichen Mammutjäger:innen zeigen Frauen. In vielen Texten zur Steinzeit geht es trotzdem meistens um Männer. Man sieht sie beim Jagen, Feuersteinschlagen und Kunstmachen. In den letzten Jahren hat sich das Bild glücklicherweise gewandelt und plötzlich treten auch die Frauen der Eiszeit ins Blickfeld. Was haben die eigentlich die ganze Zeit gemacht? Heute weiß man: vermutlich dasselbe wie Männer. Traditionelle Wildbeuter sind in der Regel Universalisten, das bedeutet, jede*r musste alles können, was zum Überleben nötig war. Das schließt auch die Jagd ein. An weiblichen Skeletten aus der Eiszeit fand man Spuren gut entwickelter Schultermuskulatur, und zwar jener Muskeln, die beim Werfen trainiert werden.
Die Steinzeit taugt nicht mehr als Beispiel für die mancherorts immer noch viel zitierte natürliche männliche Überlegenheit, der sich die schwachen Frauen gerne unterwarfen, weil sie sonst verhungert wären. Schließlich zeigen Grabfunde aus der Eiszeit keine Hierarchie der Geschlechter an.

Wie bist du bei der Recherche für das Werk vorgegangen und welche neuen Erkenntnisse haben dich dabei besonders beeindruckt? Was war die größte Herausforderung dabei, wissenschaftliche Genauigkeit und künstlerische Freiheit in Einklang zu bringen?
Die konkrete Recherche bestand am Ende zum größten Teil im Lesen von detaillierten Grabungsberichten und Fachpublikationen. Wenn möglich habe ich Originalschauplätze und Museen besucht. Als dokumentarische Comiczeichnerin habe ich mir im Laufe der Jahre einen Werkzeugkasten erarbeitet, den ich für dieses Thema in vollem Umfang nutzen konnte. Im Vergleich zu Sachbuchautor:innen, die in Texten beschreiben und sich dann auf das Vorstellungsvermögen ihrer Leser*innen verlassen müssen, bietet das Medium Bilderzählung einige Vorzüge. Die Parallelführung von Bild und Text erleichtert die Einfühlung in die Lebenswelten des Paläolithikums. Unsere eigenen Lebenswelten sind schließlich denkbar weit entfernt von denen traditionell lebender nomadischer Jäger*innen und Sammler*innen.
In den fünf Jahren, die ich an diesem Buch gearbeitet habe, gab es mindestens drei neue Forschungsergebnisse zu Szenen, die ich schon gezeichnet hatte und deshalb korrigieren musste. Zum Beispiel sollte der Stein, aus dem die Venus von Willendorf gehauen ist, aus Tschechien stammen. Ich zeichnete eine Szene mit einer Gruppe Eiszeitjäger*innen, die an der Stránská Skála diesen Stein finden, bevor sie weiter ins südlich gelegenere Willendorf ziehen. Dann schloss eine neue, genauere Studie eben diesen Ort aus. Der Stein stammt aus Norditalien oder aus der Ukraine. Das machte ein paar Anpassungen im Comic nötig.
Die Datierungen von archäologischen Artefakten umspannen sehr große Zeiträume oder sind aus verschiedenen Gründen oft unsicher. Wissenschaftliche Texte geben Radiocarbon-Jahre an. Auf Websiten werden dieselben Daten oft wiederholt, aber mit Sonnenjahren verwechselt. Sie können um mehrere Tausende von Jahren differieren. Wer sich durch Datierungen zur Kunst der Frühgeschichte liest, ist irgendwann sehr verwirrt. Da gibt es zum Beispiel eine Keramikfigur aus der Kultur der Pavlovier, Tschechien, die überall mit 27.000 Jahren angegeben wird. Die berühmte Frauenstatuette aus Willendorf wurde mit 29.400 Jahren neu datiert und gilt allgemein als die ältere.
Freundlicherweise beantwortete Jirí Svoboda, der tschechischen Archäologe in Dolni Vestonice, meine Frage umgehend: "Ja, die calibrierten Daten der Kulturschicht der Figur in Dolní Vestonice liegen bei 31.000 - 30.000 Jahren, sie ist damit älter als die Venus von Willendorf."
Weil ich chronologisch erzähle, mussten nun die Szenen über die Pavlovier vorgezogen werden und die Schaffung der Figur aus Willendorf wurde auf Teil 2 verschoben.
Du betonst die Rolle der Empathie und Gemeinschaft für das Überleben der frühen Menschheit. Inwiefern siehst du darin Parallelen zu den Herausforderungen, vor denen wir heute als Gesellschaft stehen?
Es gibt viele Mythen über uns selbst, zum Beispiel, dass wir von Natur aus egoistisch und nur durch Erziehung, Kultur oder Religion zu sozialem Verhalten fähig seien. Beispiele aus der Steinzeit werden oft herangezogen, um "unsere Natur", also uns selbst, zu beschreiben. In alten Lehrbüchern zur Evolutionsgeschichte wurde bis vor Kurzem den Themen Aggression und Konkurrenz sehr viel Raum gegeben. Eine der vorher erwähnten neuen Perspektiven auf die Frühgeschichte ist die Feststellung, dass vermeintlich "weiche" Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen und Bereitschaft zu Teilen im Tierreich höchst ungewöhnlich sind. Diese Fähigkeiten konnten sich entwickeln, weil sie für unser Überleben nützlich waren. Es wurde die Frage gestellt, wie sich die Fähigkeit, anderen und sogar völlig fremden Menschen zu vertrauen, in einer aggressiven, feindlichen, konkurrenzbetonten Umwelt eigentlich evolutionär hat entwickeln können.
"Die Kooperationsbereitschaft der Jäger und Sammler – der soziale Grundpfeiler von 99 Prozent der Homininengeschichte – beruht mindestens ebenso sehr auf reziprokem Altruismus zwischen Nichtverwandten wie auf Verwandtenselektion." (Robert Sapolsky, aus Robert M. Sapolsky (2017): Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München.)
Einen längeren Teil des 1. Bands widmest du den Khoisan, einem „Buschmenschen“-Stamm aus der Kalahari-Wüste (Botswana) und dessen Vertreibung und Entwurzelung. Was fandest du an den Khosain im Kontext deiner Erzählung spannend?
Die Kultur der Khoisan-Buschleute gilt (mit einigen anderen) als mögliches Modell für das Zusammenleben der Menschen in den Urgesellschaften.
Einige indigene traditionelle Wildbeuterkulturen haben bis in die Neuzeit überlebt und können noch befragt werden. Die Frage ist nur, wie lange noch. Ein Kapitel im Buch widmet sich der aktuellen Lage der Khoisan-Buschleute in Botswana, die leider beispielhaft ist für den Umgang mit Indigenen auf der ganzen Welt. Die Kultur der nomadischen Wildbeuter ist in gewisser Weise die erfolgreichste der Welt. Keine andere hat so lange Zeiträume überdauert. Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass Vorfahren der Buschleute sich vor etwa 90.000 bis 150.000 Jahren von der afrikanischen Gründerpopulation der Menschheit abspalteten. Der anatomisch moderne Mensch ist mit rund 200.000 Jahren relativ jung. Die Frauen und Männer der Buschleute tragen die mitochondriale DNA der ältesten Zweige des Stammbaums der Menschheit in sich.
Dein Werk greift den Gedanken auf, dass die Held*innenreise eine kollektive Erfahrung war. Wie wichtig ist es dir, diesen Aspekt in einer Zeit, die stark von Individualismus geprägt ist, hervorzuheben?
Der Begriff "Heldenreise" wurde vom Mythenforscher Joseph Campbell geprägt, er beschreibt damit eine bestimmte dramaturgische Struktur, der etliche archaische Mythen folgen. Unter einer "Heldenreise" verstehen wir üblicherweise eine Erzählung, in der ein meist männlicher Protagonist loszieht, sich Gefahren stellt, sie bewältigt und daran wächst.
Weiblichen Protagonistinnen wird auch heute noch weniger Risikobereitschaft zugestanden als männlichen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Mein erster autobiografischer Comic "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" beschreibt eine nicht ungefährliche Abenteuerreise von zwei 17-jährigen Punkmädchen nach Sizilien im Jahr 1983. Von Leser:innen des Buches höre ich bis heute immer wieder die Frage: "Das war doch so gefährlich! Warum seid ihr nicht in den nächsten Zug gestiegen und nach Hause gefahren, wo ihr in Sicherheit gewesen wärt?". Gegenfrage: Würde man bei 17-jährigen abenteuerlustigen Jungs auch fragen, warum sie nicht in einen Zug gestiegen und nach Hause gefahren sind, als es brenzlig wurde? Eher nicht.
Weniger bekannt ist, dass die meisten frühen Heldenreisen eigentlich Schaman:innenreisen waren. Archaische Mythen stammen meist aus Kulturen mit animistischen Weltvorstellungen, in deren Gemeinschaften Schaman*innen auch die Geschichtenerzähler:innen waren. Im Unterschied zu den späteren Helden dürfen Medizinleute verschiedenster Kulturen allerdings nicht in die Geisterwelt reisen, um persönliche Erleuchtung zu erzielen, sondern nur, um dort Probleme für andere oder für ihre Gemeinschaften zu lösen.
Die Ursprünge des Schamanismus sollen vor ca. 40.000 Jahren oder davor entstanden sein. Merkwürdigkeiten rund um die ältesten Kunstwerke lassen vermuten, dass ihre Herstellung Teil magischer Praktiken war. Warum, frage ich im Comic, zeigen viele dieser ältesten Kunstwerke eine eigentlich recht souverän wirkende Frauenfigur? Einer der ersten Archäologen in Dolní Vestonice, Bohuslav KlÍma, schrieb bereits 1963: "Es ist sehr gut möglich, dass Frauen, analog zu den Tschuktschen, mit allen Zeremonien und kultischen Handlungen besser vertraut waren als die Männer, als 'Hüterinnen des Feuers', die sich um die heiligen Gegenstände und ihr Haus kümmerten. Magie wird in der Tundra als mächtiger als die Jagdbemühungen der Männer angesehen. Kultangelegenheiten waren in den frühen Stadien der Entwicklung der Gesellschaft eine Aufgabe der Frauen."
Das Interview wurde von Elena Agebo geführt.