Zwischen-den-Jahren-Interviews III – Joe Sacco

Zwischen-den-Jahren-Interviews III – Joe Sacco

In einigen Interviews aus den letzten beiden Jahren hatte Joe Sacco die Hiobsbotschaft eingestreut, dass "Indien – Öl ins Feuer" (im Original "The Once and Future Riot") sein letzter Reportagecomic sein könnte. Zu aufwändig, zu kräftezehrend und zu bedrückend fühlten sich seine Projekte zuletzt an. "Ich möchte mich wieder freuen dürfen, zu zeichnen", verriet er uns in unserem Gespräch. Zeitgleich sitzt er aber schon wieder an seiner nächsten Reportage, über den aktuellen Nahostkrieg – der "journalism bug" lässt ihn also weiter nicht los...

Mit seinem neuesten Projekt "Indien – Öl ins Feuer" stieß der preisgekrönte US-Journalist und Comicautor Joe Sacco in diesem Jahr neu ins Reprodukt-Portfolio hinzu. Kurz vor Erscheinen von "Indien" im Oktober diesen Jahres gab er uns für die Pressearbeit dieses aufschlussreiche Interview. Viel Spaß damit!   

Sie erzählen in "Indien – Öl ins Feuer" von einer Serie von religiös motivierten Pogromen in Uttar Pradesh, dem größten Bundesstaat Indiens, bei denen viele Menschen ums Leben kamen und Zehntausende obdachlos wurden. "Indien" ist nicht Ihre erste Comicreportage über Indien: Sie haben bereits 2010 einen kürzeren comic-journalistischen Beitrag über soziale Probleme in Uttar Pradesh umgesetzt. Wie hat sich Ihre Beziehung zu Indien im Laufe der Jahre entwickelt?

Indien ist ein so vielfältiges Land und ich war nur in einem winzigen Winkel davon, im Distrikt Kushinagar in Uttar Pradesh, um eine Geschichte über ländliche Armut zu recherchieren. Ich habe mich auf eine Untergruppe der Dalit konzentriert, die so arm sind wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe auf der Welt. Das war aufschlussreich und herzzerreißend. Aber es gibt viele verschiedene Welten in Indien. Ich habe kürzlich einige Zeit dort verbracht, um einen Workshop zu leiten und Vorträge an einer Universität zu halten, und ich habe noch nie so viele kluge junge Menschen getroffen. Indien ist beides: Es gibt große Armut, aber auch viel intellektuelles Potenzial. Indien hat viele Facetten und es übersteigt meine Möglichkeiten, diese Vielfalt adäquat abzubilden. Ich könnte mehrere Leben damit verbringen, dort Geschichten zu schreiben, und würde dennoch nur an der Oberfläche kratzen.

Könnten Sie uns ein wenig über die Entstehung von "Indien – Öl ins Feuer" erzählen? Wie kam es zu diesem Projekt? Warum haben Sie sich entschieden, nach Uttar Pradesh zurückzukehren, und warum haben Sie gerade dieses Ereignis aus dem Jahr 2013 als zentrales Thema gewählt?

Ich hatte mich schon lange mit dem Gedanken getragen, einen größeren Comic über Indien zu machen. Ein Kontakt in Uttar Pradesh hatte mir über die Unruhen von 2013 berichtet und mein Interesse war sofort geweckt. Ich wollte für meine Reportage Menschen bitten, über Ausschreitungen in ihren Communitys zu erzählen und dann schauen, ob und wie ihre Schilderungen mit den Tatsachen übereinstimmten. Von Anfang an war mir klar, dass dieses Projekt anders als meine anderen Comicreportagen werden würde, kein klassischer journalistischer Bericht, sondern eine Erzählung über das Wesen der menschlichen Natur. Wichtig war mir auch: Die Unruhen waren für indische Verhältnisse relativ klein und beschränkten sich auf ein begrenztes Gebiet – sprich, der Rechercheaufwand und die Reisen im Zusammenhang mit der Berichterstattung hielten sich in Grenzen. Und natürlich sind die Unruhen in Muzaffarnagar auch exemplarisch für das umfassendere Problem der politischen Gewalt zu verstehen – nicht nur in Indien, sondern auch im Westen.

Inwiefern sind die Muzaffarnagar-Unruhen beispielhaft für den Kreislauf der Gewalt in Indien? Und inwiefern hat die hindu-nationalistische Bewegung unter Modi diese Probleme verschärft?

Indien ist ein Paradebeispiel für religiös bedingte Spaltungen, die schon seit Jahrzehnten von der politischen Klasse ausgenutzt werden – um Feindbilder zu erschaffen, Ängste zu schüren und die Wählergruppen enger an sich zu binden. Die Unruhen in Muzaffarnagar folgten einem altbewährten Muster: Sie kamen der hindu-nationalistischen BJP zugute und verhalfen Modi zum Amt des Premierministers. Einige Jahre zuvor war Modi Ministerpräsident des Bundesstaates Gujarat und die tödlichen Unruhen dort, bei denen weit mehr Muslime als Hindus ums Leben kamen und die er bewusst nicht eindämmte, machten ihn zum prominentesten Star des hindu-nationalistischen Lagers. Man könnte also sagen, dass politische Gewalt Modi groß gemacht hat. Jemand wie Trump scheint aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein.

Sie haben ja schon angesprochen, dass Sie sich mit "Indien" inhaltlich und handwerklich von Ihren früheren Comicreportagen entfernen wollten. "INDIEN" liest sich wie eine Kontemplation über die Macht von Lügen, Fehlinformationen und postfaktischen Narrativen. In Anlehnung an "Rashomon" zeigen Sie unzählige Perspektiven, falsche Erinnerungen, Halbwahrheiten und konkrete Lügen, Revisionismus und Demagogie… Ist "Indien" Ihr Kommentar zu einer postfaktischen, nach Ideologien aufgeteilten Welt, in der jede Seite ihre eigene Wahrheit hat?


Im Journalismus geht es hauptsächlich um Fakten. Was ist passiert? Wo? Wann? Wie? In den letzten Jahren hat mich die letzte Frage, die man uns an der Journalistenschule beigebracht hat, interessiert: Warum? Ich wollte über die eigentliche Recherche hinausgehen und mich mit der Menschheit im weiter gefassten Sinne beschäftigen – und ich wollte das an einem Ort machen, an dem Gewalt und ein demokratischer Prozess wie Wahlen nebeneinander existieren. Warum gehen Gewalt und Wahlen manchmal Hand in Hand? Ich wollte mich eingehender mit der Frage beschäftigen, was genau Demokratie bedeutet und wie sie mit den Realitäten der menschlichen Psychologie und Gruppendynamik kollidiert.

In einem Ihrer letzten Interviews sagten Sie, dass "Indien" vorerst Ihr letzter journalistischer Comic sein würde. Falls Sie darüber sprechen möchten – warum haben Sie sich entschieden, sich aus diesem Genre zurückzuziehen, das Sie vor drei Jahrzehnten mitbegründet haben? Und wie sehen Ihre nächsten Schritte als Comicschaffender aus?

Weil es mir zunehmend schwerer fiel, Gewalt zu zeichnen. Ich habe festgestellt, dass es mich nicht mehr glücklich macht, mich an den Zeichentisch zu setzen. Ich möchte mich etwas anderem zuwenden, wenn die Welt mich lässt. Aber im Moment arbeite ich an einem Buch über Gaza. Wenn ich damit fertig bin, werde ich vielleicht meine Notizbücher ein für alle Mal weglegen. Das verspreche ich mir immer wieder. Ich möchte an Dingen arbeiten, die philosophischer und humorvoller sind und sich eher auf Ideen als auf konkrete Ereignisse beziehen. Und ich möchte mich wieder darauf freuen, zu zeichnen.